DAS PROJEKT

Der schillernde Begriff des ‚spiritus‘ mit seinem umfassenden Bedeutungsspektrum rückt in den letzten Jahren immer stärker in das Blickfeld einer an Fragen der Anthropologie interessierten Geisteswissenschaft. Der Grund für diese Aktualität der Geister besteht darin, dass sie mit einem Wahrnehmungs- und Erfahrungsmodell verbunden sind, das lange Zeit in den hermetischen ‚Untergrund‘ abgedrängt war, nun aber durch neuere wissenschaftliche Entwicklungen in den Natur- und Geisteswissenschaften als wieder anschlussfähig erscheint: Dort nämlich, wo es um die Interaktion und Verbundenheit von Körper und Geist geht, statt um die Autoreferentialität eines selbstgenügsamen Bewusstseins; wo die Erfahrung oder die ‚Effekte‘ von Präsenz im Zentrum stehen und nicht die semiotische Theorie der Differenz; wo Phänomene von Spiritualität, Emotion und alternativen Wahrnehmungsformen statt rein kognitiver Erfahrung interessieren. Aus der Perspektive solcher aktuellen Fragestellungen gewinnen die ‚spiritus‘ ein neues Interesse, da sie als ein wichtiger Baustein in den Anthropologien der Vormoderne die Funktion haben, den Menschen als ein sowohl in sich selbst (beim Übergang ‚niedriger‘ zu ‚höheren‘ Funktionen) als auch zu anderen Wesen und zum Makrokosmos hin offenes Wesen darzustellen.

Die ‚spiritus‘ – feinstoffliche Substanzen, die nicht mehr ganz Körper und nicht ganz Seele sind, und darum zwischen beidem vermitteln können – übernehmen dabei die Rolle von Boten und Vermittlern und dies in verschiedener Gestalt: als die drei Geister der galenischen Medizin, als spiritus mundi, als spiritus fantasticus, als Dämonen oder Engel vermitteln sie zwischen Materie und Immateriellem, Körper und Seele, Seele und Kosmos, Zukunft und Vergangenheit. Sie können im Guten oder im Schlechten die Wahrnehmung, die Phantasie und die Vernunft beraten oder beeinflussen. Alle diese verschiedenen ‚spiritus‘ erfüllen verschiedene Aufgaben und stammen aus ganz unterschiedlichen Traditionen. Dennoch besitzen sie sowohl in ihrer Stofflichkeit als auch in ihrer Vermittlungs- und Botenfunktion vergleichbare Eigenschaften.

Das Wissenschaftliche Netzwerk untersucht die ‚Aisthetik der Geister‘ als anthropologisches, im vormodernen Sinn psychologisches und religiöses Fundament ästhetischer Praktiken in der Frühen Neuzeit. Auf der einen Seite werden Theorien und Konzepte in den Blick genommen: Welche Theorien von den spiritus existierten in dieser Epoche, aus welchen Traditionen kommen sie, wie entwickeln sie sich weiter? Auf der anderen Seite werden kulturelle und künstlerische Praktiken, konkrete Formen der Wahrnehmung, der Emotion und Kognition sowie die Medien der Vermittlung untersucht.

Es versteht sich, dass ein solches Vorhaben sich nur aus einer fächerübergreifenden Zusammenarbeit durchführen lässt.

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Das Netzwerk Aisthetik der Geister wird von der DFG gefördert.

Thanks to the University of Glasgow, Department of Special Collections, for providing the picture used on the right in the banner above.